Kulturstadl Maria Rojach
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Geschichte

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Die Koralmabrutschung am 7. 9. 1916 | Bericht von R. Bäk
Die Koralmabrutschung am 7. 9. 1916 | Bericht von Dr. Clemens Weber

Die Koralmabrutschung am 7. 9. 1916

Vorwort: Es ist der Theatergruppe unter maßgeblicher Initiative von Günther Stippich zu danken, dass dieses Projekt über ein fast vergessenes, tragisches Kapitel in der Geschichte Maria Rojachs initiiert und durchgeführt wurde.
Bericht von Dr. Clemens Weber

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1) Einleitung:

19 Tote, darunter 12 Kinder, mehrere Schwerverletzte nach einer gewaltigen Mure – von den wahren Dimensionen hat Koll. Bäk schon berichtet – das wäre heute eine Schlagzeile auf allen Titelseiten der Zeitungen! Und damals?
Im „Neuen Wiener Journal“ erschien am 14. September 1916 auf Seite 10 folgende Meldung, wobei man sich auf ein Privattelegramm berief:
Titel: „Erdstöße in Steiermark“ – Untertitel: „13 Personen getötet – 21 Personen vermißt“. Der Text lautet:
 „In der Ortschaft Ober-Pichling am Fuße der Koralpe sind in der Nacht auf den 7. d. M.  mehrere Personen durch Einsturz von Gebäuden tödlich verunglückt. 21 Personen werden vermißt, sie wurden größtenteils im Schlafe vom Verhängnis ereilt. 13 Leichen sind geborgen. Man vermutet, daß das Unglück durch heftige Erdstöße hervorgerufen wurde, die in der verhängnisvollen Nacht in der Umgebung wahrgenommen wurden.“
Ähnliche oder gleichlautende Berichte finden sich in vielen Tageszeitungen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, manchmal ist der Ort in die Obersteiermark verlegt, manchmal wird als Ursache ein Gebäudeeinsturz angeführt.
Wie wir heute wissen, ist an diesen Meldungen mit Ausnahme des Ortes nichts richtig. Warum ist das so? Dazu müssen wir einen Blick in das historische Umfeld dieses Unglücks richten.

2) Das Jahr 1916:

Im Herbst 1916 befinden wir uns mitten im Ersten Weltkrieg (1914-1918). Von der großen Begeisterung im Herbst 1914 ist nichts mehr zu spüren. Der erhoffte schnelle Sieg ist ausgeblieben. In der Schlacht um Verdun, der das Jahr im Westen prägt, fallen 600.00 Soldaten auf beiden Seiten, ohne dass es einen nennenswerten Geländegewinn gäbe. Im Osten kämpfen die Österreicher ohne Erfolg gegen die Russen in Galizien, kleine Erfolge gibt es im Krieg gegen Rumänien. In der 6. Isonzoschlacht erobern die Italiener Görz, in der 7. bis 9. verbluten die Soldaten ohne Geländegewinne. Diese Schlachten, viele Auszeichnungen und die große Zahl von Gefallenen dominieren die Zeitungen. Dazu kommt der beginnende Mangel an Lebensmitteln, vor allem in den Städten. Nur die rigorose Zensur aller Medien  verhinderte ein Kippen der Stimmung in der Bevölkerung. Das ist auch der Grund, warum über die Katastrophe von Oberpichling nichts bzw. einheitlich falsch berichtet wurde, obwohl die vorangehenden, lang anhaltenden Regenfälle mit Überschwemmungen sehr wohl ein Thema war. Dominierend war aber die Kriegsberichterstattung!

3) Lokale Berichterstattung:

Lokale BerichtedrstattungLokale Berichtedrstattung

Im Lavanttal gab es damals schon die „Unterkärntner Nachrichten“, die am 16. und 20. 9. Folgendes berichteten – nämlich nichts! Der Bericht wurde  zensuriert. Erst am 29. 9. wurde kurz über das Unglück berichtet. Auch das „Kärntner Tagblatt“, in Kärnten weit verbreitet,  brachte nur eine kurze Notizam 12. September 1916.

4) Quellen:

Welche zeitgenössischen Quellen gibt es also? Die Suche danach hat sich durchaus schwierig gestaltet. Der Unglücksort Oberpichling gehörte zur Gemeinde St. Georgen, wo aus dieser Zeit keine Unterlagen vorhanden sind. Unterlagen fehlen auch von der ehemaligen Gmeinde Lindhof. Ebenso sind fast alle Akten der BH. Wolfsberg verlorengegangen. So stütze ich mich im Wesentlichen auf folgende zeitgenössische Aufzeichnungen:

  1. Akten des Landesarchivs in Klagenfurt, hier besonders ein genauer Bericht des Gendarmeriepostens Maria Rojach über das Unglück sowie spätere Hilfsmaßnahmen der Behörden.
  2. „Memorabilienbuch“ der Pfarre Maria Rojach. Hier finden sich Aufzeichnungen über wichtige, auch nichtkirchliche Ereignisse.
  3. „Sterbbuch“ der Pfarre Maria Rojach, das exakte Daten über die Toten liefert. Es befindet sich im Diözesanarchiv in Klagenfurt.
  4. Chronik des Gendarmeriepostens Maria Rojach.

Keine Hinweise finden sich in der Schulchronik, obwohl schulpflichtige Kinder unter den Toten sind!

Quellen

5) Der 7. September 1916:

Nach tagelangen Regenfällen kam es entlang der Lavant von Frantschach bis Lavamünd zu schweren Überschwemmungen.
Die Niederschläge bewirkten offensichtlich eine Bodenerosion von der Koralm – Schoberstatt – in den Kreuzergraben. Die Krakaberger Almhütte mit 13 Stück Vieh und Hochwaldbestände wurden mitgerissen. Im Kreuzergraben  sammelte sich Erdreich und Wasser. Diese Erdlawine, Felsen und Wassermassen fluteten den Frisachgraben und begruben Oberpichling unter sich. In einer Meldung der BH. Wolfsberg nach Klagenfurt an das Präsidium der Landesregierung vom 9. 9. heißt es wörtlich: „6 Gebäude in Oberpichling weggefegt,21 Personen tot und vermurt. 9 Tote geborgen, 4 schwer verletzt und stark verstümmelt.“ Dazu kamen Forstschäden und Schäden an Feldern, die meisten Wege waren zerstört.
Die mündlichen Überlieferungen sind noch dramatischer: Ein dumpfes Grollen war um etwa 6 Uhr früh im mittleren Lavanttal zu hören (Viktor Umschaden; Raffer vulgo Tatzer)), die Geröllmassen lösten ein leichtes „Erdbeben“ aus – so in Zeitungsberichten.
Den genauesten Bericht über das Geschehen stammt von Thomas Glantschnig, Postenkommandant des erst 1914 geschaffenen Gendarmeriepostens Maria Rojach, vom 13. September 1916 an das Landesgendarmeriekommando in Klagenfurt.

Quelle

Die Vermurungskatastrophe ereignete sich zwischen 5.30 Uhr und 7.00 Uhr in der Früh. Die Menschen wurden schlafend in ihren Häusern überrascht, was auch die vielen Opfer erklärt. Der Gendarmeriebericht spricht von „entsetzlichen Verheerungen“, die die „Erdlawine“ in „Teilen der Ortschaften Krakaberg, Pantnig (sic!), Oberpichling, Paierdorf und Ragglbach (Hart)“ angerichtet habe. Auch die Straßen und Wege wurden unpassierbar.  Entsprechend schwierig gestalteten sich die Rettungsmaßnahmen. Zum Verhalten der Zivilbevölkerung heißt es im Bericht:
„Zu den Vorfallenheiten an der Hauptunglücksstelle wird noch gemeldet, daß alle Arbeiten von der hiesigen Postenmannschaft geleitet werden mußten, weil sich mit Ausnahme von einzelnen, wenigen Zivilpersonen, die hiezu meist aufgefordert werden mußten, sonst niemand an der Rettung der schwerverletzten (sic!), der Suche nach Toten und Vermißten und den Abwehrmaßregeln zur Verhüttung (sic!) weiterer Ueberschwemmungsgefahren beteiligt hat. Von den Hilfe leistenden Zivilpersonen hat sich am meisten Pfarrer Albert Müller aus Maria Rojach der Verunglückten insbesondere auch durch Verbinden der Verletzten angenommen.“
Diese Passivität der Betroffenen lässt sich vielleicht damit erklären, dass jeder mit seinen Folgen der Katastrophe zu kämpfen hatte und vor allem die jungen Männer fehlten, die ja weit weg an der Front waren. Sicher standen die Leute unter Schock und es gab damals keine psychologische Betreuung, kein „Kriseninterventionsteam“!
Diese zum Teil sicher chaotischen Verhältnisse zeigten sich auch darin, dass bis zum Abend des 8. Septembers nur neun Tote und zwei Schwerverletzte geborgen werden konnten. Postenkommandant Glantschnig ersuchte deshalb um militärische Unterstützung, die noch am 7. September am Abend mit 20 Mann unter Führung eines Offiziers (Oberleutnants) eintraf. Die Suche dauerte den ganzen 8. September an. (Bericht an das K. u. K. Militärkommando Graz vom 15. September) Durchnässt und ermüdet rückten die Soldaten wieder nach St. Andrä ein. Diese Soldaten halfen am 8. 9. auch eine Verklausung des Kaltenwinkelbaches  zu beseitigen, um eine Überschwemmung von Ragglach zu verhindern. Fünf weitere Tote konnten geborgen werden. Zur weiteren Hilfeleistung berichtet Postenkommandant Glantschnig wörtlich:
„Da (…) noch nicht alle Gefahr beseitigt war, forderte ich von der Gemeindevorstehung Lindhof alle verfügbaren und von der Gemeindevorstehung St. Georgen 20 Kriegsgefangene zur Suche nach Leichen und Verrichtung sonstiger Arbeiten.
Der Bürgermeister von Lindhof ging sohin am 8.d.M. mit 60 Kriegsgefangenen an die Unglücksstelle ab und leistete tätige Hilfe; dagegen sandte die Gemeindevorstehung St. Georgen weder die angeforderten Kgf. noch kümmerte sie sich um die Hauptunglücksstelle, trotzdem selbe im Gebiete der Gemeinde St. Georgen lag.
Ebensowenig sorgte die Gemeindevorstehung von St. Georgen für die Begrabung der Toten und Verscharrung der umgekommenen Tiere, so daß auch diese Tätigkeit mit mir der Bürgermeister von Lindhof übernehmen mußte, wobei insbesondere auch Pfarrer Albert Müller unterstützend eingriff.
Die laut zuliegender Liste aufgefundenen und agnoszierten Leichen wurden am 10.d.M. am Friedhofe Maria Rojach in einem gemeinschaftlichen Grabe beerdigt.“
Die gefundenen Toten wurden zuerst beim vulgo Moar (Jakobitsch) in Paierdorf und dann im Pfarrstadel – also hier! – gesammelt und aufgebahrt. Im Memorabilienbuch heißt es dazu:
„… fand am10/9. Nachm.(ittag) 4 Uhr das feierliche Leichenbegängnis statt. Unter gr.(oßem) Andrange von Nah u.(nd) Fern. 8 Priester nahmen daran teil u(nd) die hies.(igen) Vereine mit ihren Fahnen.“
Das „Kärntner Tagblatt“ berichtet am 16. September ausführlich:
„Auf einem großen, von zwei starken Hengsten gezogenen Wagen waren die zwölf, mit Reisiggewinden pietätvoll geschmückten Holzsärge nebeneinandergestellt worden. Dem Leichenwagen schritten voran die Schuljugend mit ihrer Fahne, die Jünglings-Kongregation ebenfalls mit Fahne, der Jungfrauenverein, die Feuerwehr mit Fahne und der Kirchenchor. Den Kondukt leitete Herr Pfarrprovisor Albert Müller unter Assistenz zweier Priester. Männer und Frauen aus der ganzen Gegend bildeten den Abschluß des schier endlosen traurigen Zuges. Nach der Einsegnung im Friedhofe hielt der Herr Pfarrprovisor Müller den Verunglückten eine Grabrede, bei der wohl kaum ein Auge trocken blieb. Ergreifend trug der Kirchenchor den Trauergesang „Bis wir uns einstens wiedersehen“ vor. Herr Pfarrprovisor Müller richtete schließlich herzliche Dankesworte an alle Teilnehmer an der erschütternden Trauerfeier.“

Quellen

Quellen

6) Die Folgen:

Von den 19 Toten konnten am 10. 9. nur 14 beerdigt werden, 5 waren noch nicht gefunden worden. Dazu berichtet Glantschnig am 13. 9.:
Die noch als vermißt ausgewiesenen 5 Kinder dürften, aus den mit den übrigen Toten aufgefundenen Körperteilen zu schließen, zum Teile zerrissen, zum Teile tief unter Schutt, Schlamm oder Steinen begraben worden sein“.
Drei Leichen wurden noch am 10. 9. gefunden. Die letzten toten Kinder, Johann Maurer und Theresia Kienzer, wurden erst am 24. September entdeckt, „außerhalb der Ortschaft Paierdorf unter Holzklötzen und Schutt“.
Funde von Körperteilen sind bis heute mündlich überliefert (Maier vulgo Holzbauer in Untereberndorf: Großmutter fand 1916 einen menschlichen Arm).
Die drei Schwerverletzten lagen im Krankenhaus Wolfsberg. Umfangreiche Schäden an Hausmühlen, Gebäuden und Holzbeständen betrafen die Menschen direkt. Das Hochwasser erreichte noch das Bauernhaus vulgo Neubauer (Pongratz) in Untereberndorf und das Haus des Wagners Stippich in Eisdorf. Dazu kamen die umfangreichen Vermurungen der Felder und Geröll mit großen Steinen, deren Beseitigung die Besitzer noch jahrzehntelang beschäftigen sollte. Noch im September ersuchten einzelne Männer um „Enthebung vom Landsturmdienst“, wie es im „Einreichungs-Protokoll für die Gemeinde Lindhof“ heißt. Postenkommandant  Glantschnig spricht in seinem Bericht von 60 Hektar Grund, die gänzlich verwüstet seien, während 40 Hektar weniger hart vermurt seien.
Das verheerende Unglück rief auch die Behörden auf Bezirks- und Landesebene auf den Plan. Schon am 12. 9. besuchte der Bezirkshauptmann Freiherr Richard  von Ott die Unglücksstelle, am nächsten Tag machte sich auch Landespräsident Dr. Karl Graf Lodron ein Bild vom Unglück.  Vom 12. bis 14. Oktober beriet eine Kommission, einberufen vom k.k. Ackerbauministerium in Wien, über Maßnahmen vor allem bezüglich einer Lavantregulierung. Die Katastrophe in Oberpichling wurde nur kurz erwähnt. Konkrete Maßnahmen wurden wegen der Kriegssituation nicht beschlossen. Auch die Lavantregulierung sollte noch lange auf sich warten lassen – sie dauerte von 1934 bis 1986!
Für die betroffenen Überlebenden beschloss die  Kärntner Landesregierung am 28. Juli 1917 ein Paket von Notstandskrediten im Ausmaß von 8 000 Kronen, rund 5.500 Euro, die in eher symbolischen Beträgen zwischen 30 und 600 Kronen an 34 Personen ausbezahlt wurden.

7) Die Toten von 1916:

Die Namen der Toten haben Sie auf der soeben enthüllten Gedenktafel lesen können. Ich möchte Ihnen zu diesen Namen noch Informationen liefern, die die persönliche Tragik der einzelnen Familien anschaulicher machen:

  1. Familie WUCHER vulgo Wiesenbauer in Oberpichling: Diese Familie wurde fast vollständig verschüttet. Martin Wucher stammte aus St. Marein, wo er 1878 geboren wurde. 1901 heiratete er Agnes Wucher, geborene Berchtold aus St. Georgen. Getötet wurde auch die Mutter Ursula Wucher mit 65 Jahren. Schwer verletzt geborgen werden konnte die 12-jährige Tochter Maria, die aber am 9. September im Krankenhaus Wolfsberg verstarb. Der 10-jährige Ziehsohn August Perchtold starb. Nur die Tochter Theresia Wucher überlebte schwer verletzt. Der Wert des Hauses wurde auf 6.000 Kronen geschätzt (entspricht heute etwa 4100 Euro).
  2. Familie MAURER vulgo Wipfler in Oberpichling Nr. 11:  Über diese Familie wissen wir relativ viel, weil eine Enkeltochter sich damit beschäftigte und im Lavanttal nachfragte. Diese Enkelin, Frau Renate Bahns aus Bad Reichenhall, ist heute ebenso anwesend wie deren Cousine Erna Satz aus Hattendorf, und ich darf sie beide herzlich begrüßen. Agnes Maurer, geborene Wicher, kam 1878 als uneheliche Tochter der Maria Wicher in Lavamünd zur Welt. Sie hatte 1901 in St. Marein den Bergarbeiter Franz Maurer geheiratet. Franz Maurer wurde 1869 in Theißenegg geboren. Sie kam mit ihren beiden Kindern Franz (8) und Johann (6) ums Leben, während die 13-jährige Christine sich selbst retten konnte. Auch die am 30. März 1913 geborene Theresia überlebte und starb mit 98 Jahren 2011 in Berchtesgaden. Die Familie hatte den Besitz vulgo Wipfler 1902 gekauft, den der Vater 1917 wieder an Peter Maier veräußerte. Der Vater starb 1927. Die Wipfler-Realität wurde später mit dem Besitz vulgo Michelbauer zusammengelegt und aus dem Grundbuch gelöscht. Nach familiären Überlieferungen kam die Mutter ums Leben, weil sie ihre Söhne um 6 Uhr morgens aus dem Haus holen wollte. Franz konnte nicht gefunden werden. Das Haus wurde auf 6.000 Kronen, rund 4100 Euro, geschätzt.      
  3. Familie RONEGGER bewohnte die Mattelmühle in Krakaberg:  Genovefa Köffel wurde 1869 in Pontnig geboren und heiratete 1903 den Holzarbeiter Gabriel Ronegger. Sie selbst, die beiden Kinder Alois (13) und Maria (11) kamen ebenso ums Leben wie ihr 41-jähriger, alleinstehender Bruder Peter Köffel. Auch hier blieb Maria Ronegger unauffindbar.
  4. Katharina KIENZER hatte die Goschkeusche in Oberpichling 20 gepachtet. Sie konnte sich schwer verletzt selbst retten und wurde ins Krankenhaus Wolfsberg gebracht. Ihre beiden ledigen Kinder Maria (8) und Theresia (5) wurden verschüttet, letztere konnte nicht gefunden werden. Die Keusche war 800 Kronen, rund 550 Euro, wert. Katharina Kienzer hat noch 1916 bei der BH. Wolfsberg um eine Notstandsunterstützung angesucht.
  5. Maria HAGGER besaß die Keusche vulgo Fischer in Krakaberg. Die 68-jährige wurde 1848 beim vulgo Fischer in Niederhof bei St. Georgen geboren und war ledig. Nach ihrem Tod durch die Mure wurde ihr Besitz auf 600 Kronen, 410 Euro, geschätzt.
  6. Eva SORKO hatte die Käferkeusche – nach anderen Berichten auch Blaslkeusche – in Oberpichling Nr. 7 gepachtet, die sie mit fünf Kindern bewohnte. Sie stammte aus Meretingen, Bezirk Pettau – Ptuj – in der Untersteiermark, ihr Mann August war Taglöhner, jetzt aber eingerückt. Eva Sorko und ihre ledige Tochter Theresia Heck wurden schwer verletzt in das Krankenhaus Wolfsberg eingeliefert. Ihr Lebensretter war Valentin Töfferl, ein vulgo Obermoarsohn in Paierdorf, der auf Heimaturlaub war. Für diese Rettung unter eigener Lebensgefahr  wurde er 1917 von der Kärntner Landesregierung ausgezeichnet. Trotzdem hatte sie den Tod von vier Kindern zu beklagen: Der ledige Sohn Franz Heck (12) kam ebenso ums Leben wie Sophie (2), Juliana (3) und Eva (6) Sorko. Eva Sorko konnte nicht gefunden werden. Die Mutter ersuchte ebenfalls um eine Notfallsunterstützung bei der BH. Wolfsberg. Der Vater der ledigen Kinder war Bartholomäus Heck, der von 1872 bis 1938 lebte. Er war 1916 Bergarbeiter und wohnte in Eitweg, wo er später als Steinmetz arbeitete. Diese Informationen verdanke ich einer Enkelin, Frau Elfriede Käfel, die ich herzlich hier begrüße.  

Ein Hinweis auf die Armut der betroffenen Familien ist auch die Tatsache, dass sie einen Monat nach dem Begräbnis um Erstattung der Begräbniskosten durch die Gemeinde Lindhof ansuchten, wie im „Einreichungs-Protokoll für die  Gemeinde Lindhof“  nachzulesen ist.

Die Ansuchen der Frauen Katharina Kienzer und Eva Sorko  führten zu einem Schreiben der BH. Wolfsberg an das Landespräsidium vom 15. 11. 1916, in dem berichtet wurde, dass beide Familien alles verloren hätten. Deshalb erhielten sie eine besondere Notstandsunterstützung von 2.000 Kronen – rund 1370 Euro - (Eva Sorko) und 3.600 Kronen – etwa 2460 Euro - (Katharina Kienzer) mit Erlaß vom 6. 12. 1916 ausbezahlt. Beide waren offensichtlich zwei sehr tatkräftige Mütter!
 Von den anderen Familien mit ihren toten Angehörigen erhielten nur drei 1917 einen Anteil an der schon erwähnten  Notstandskreditaktion der Kärntner Landesregierung: Gabriel Ronegger erhielt 600 Kronen, Franz Maurer 300 Kronen und Bartlmä Heck 30 Kronen. Nur zur Information: 1917 entsprachen 100 Kronen einem Wert von rund 68 Euro!

 

Quellen

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8) Der Bergsturz 1660:

Zum Abschluss meiner Ausführungen möchte ich noch kurz auf ein ähnliches Ereignis eingehen, das fast 250 Jahre vor „unserer“ Katastrophe stattgefunden hat. Am 7. Juni 1660 wurden große Schuttmassen von der Koralpe durch den Gemmersdorfer Bach zu Tal gefördert und verschütteten  Gemmersdorf. Der Kärntner Historiker Walther Fresacher hat darüber 1965 in der historischen Zeitschrift „Carinthia“ berichtet. Die Mure betraf vor allem den großen Besitz des Christian Windpichler, der deshalb bei den Ständen in Klagenfurt um einen Steuernachlass ansuchte. Der lokale Steuereinnehmer Peter Stauber bestätigte die Angaben von Windpichler. Das reichte in Klagenfurt nicht. Deshalb wandte man sich am 13. 12. 1662 an Georg Prödl, den sehr angesehenen Besitzer des Schlosses Farrach, um genauere Erhebungen. Das tat Georg Prödl und fügte sogar eine Zeichnung hinzu. Es ist ein spannender Widerspruch, dass wir von 1660 ein „Bild“ haben, aber von 1916 kein Foto  existiert!
 Prödl berichtete genau, dass das Haus von Windpichler, sein Stadel und seine Mühle weggerissen worden seien und große Steine die Felder verwüstet und „auf ewig“ unbrauchbar gemacht hätten. Über die Schäden rund um die Kirche schreibt er wörtlich: “Es ist zu sehen, daß der erste Sturmb gemeltes gotshauß St. Lorenzen, die völlige Sagrestey samb Khelch vnd Meßgewändter alles weckh getragen vnd biß an das khürchdach, so in ebigkeit zu sehen wirt sein, auf 10 claffter (etwa 2 m)hoh von Wasser in der ersten von der Coralbm durch den Godinger pach (gemeint: Gemmersdorfer Bach) herauss khumen vnd der Übereillung des so grossen Wasser 29 Perschonen an 4 wägen (Wegen) tater (tot) gefunden vnd bey vnssern gotshaus Royach begraben seindt worden.“

Zeichnung
                Die Ähnlichkeit mit den Ereignissen von 1916 sind deutlich. Von den verheerenden Folgen der Mure ist heute nichts mehr zu erkennen. Nach diesem genauen Bericht wurde nun dem Bittsteller geglaubt. Die Stände setzten seine Steuern auf die Hälfte herab, damit er seine 7 kleinen Kinder ernähren konnte. Steuerbefreiung gab es schon damals sehr selten!

9) Was erinnert heute daran?

Fleißige Hände haben die Mühlen rasch repariert, die Felder wurden über Jahrzehnte von Steinen und Geröll gesäubert – daran erinnern sich noch viele ältere Menschen. Zwei große Felsen markieren sozusagen Anfang und Ende der Abrutschung. In Oberpichling liegt der Stein mit der Inschrift „Abrutschung von der Schoberstatt Koralpe am 7. Sept. 1916“. Angeregt wurde diese Inschrift vom Lehrer Seebacher. Vor der Kirche steht der Felsen, der heute als Kriegerdenkmal dient. Die Sängerrunde Maria Rojach unter Hans Fasching vulgo Hollauf suchte am 28. Dezember 1922 den Felsen in Oberpichling aus. Dieser Stein wurde mit großen Mühen am Faschingssonntag  1923 – 11. Februar -  nach Rojach geschleppt und neben der Volksschule zur Erinnerung an den 1. Weltkrieg aufgestellt. Am 10. Juni 1923 wurde das Kriegerdenkmal mit einem Volksfest eingeweiht.  Am 25. Oktober 1974 fand das Denkmal - jetzt für die Gefallenen beider Weltkriege - endgültig seinen würdigen Platz vor der Kirche.
 Seit heute erinnert die Gedenktafel an die Katastrophe von 1916, ganz im Sinne des Satzes: „Eine kleine Tafel kann Großes gegen das Vergessen tun“.

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10) Nachwort:

Manfred Probst, dem „Vater“ dieses Kulturstadls ist es zu verdanken, dass es vom Postenkommandanten ein Foto gibt, das ihn bei der Glockenabnahme in Maria Rojach zeigt. Wachtmeister Thomas Glantschnig war seit der Gründung des Postens am 1. 3. 1914 bis zum 31. 12. 1932 Postenkommandant. Für sein Engagement beim Unglück 1916 wurde er von Kaiser Karl I. im Juni 1917 mit dem Silbernen Verdienstzeichen am Band der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Manchmal bleibt tatkräftiges Helfen nicht unbedankt!  

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11) Quellen und Literatur:

 
Quellen:

  1. Kärntner Landesarchiv: Kärntner Landesregierung, Präsidium, Sch. 391, 8447 – Schlagwort: Hochwasserschäden
  2. Archiv der Diözese Gurk: Pfarrarchiv Maria Rojach, Sterbebuch und Memorabilienbuch
  3. Bezirkshauptmannschaft Wolfsberg – Archiv: Index 1916
  4. Einreichungs-Protokoll für die Gemeinde Lindhof (7. 6. 1915 – 24. 5. 1917)

Literatur:

  1. Walther Fresacher: Eine Abrutschung von der Koralm im Jahre 1660 – In: Carinthia I, 155(1965), S. 209-214
  2. Herta Wittmann: Eine Naturkatastrophe im Lavanttal – In: Carinthia I, 142(1952), S. 430-434.

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Kulturstadl Maria Rojach

Jeder Besucher von Maria Rojach ist beeindruckt, wenn er am Ortseingang das einheitliche Ensemble von Pfarrkirche, Pfarrhof und Pfarrstadel erblickt, das vom Zaun mit seinen wuchtigen Säulen wie ein Gemälde eingerahmt wird.

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Während die spätgotische Kirche aus dem Ende des 14. Jahrhunderts stammt, wurde der barocke Bau des Pfarrhofs 1667 abgeschlossen. Wann genau der Pfarrstadel errichtet wurde, wissen wir nicht. Zweifelsohne hat es aber immer ein Stallgebäude gegeben, denn schon 1619 heißt es in einem Bericht: „Der Pfarrhoff ist ein Pauerngutt“. Der Stall für die 50 Kühe wurde damals für 80 Gulden neu gebaut.

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In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es verschiedene Pläne, den Stall teilweise zu renovieren, diese Absichten wurden aber nicht verwirklicht. Am 16. 11. 1902 brannte der Pfarrhofstadel ab, die gerade gegründete Freiwillige Feuerwehr Maria Rojach konnte ein Übergreifen der Flammen auf die angrenzenden Gebäude verhindern.

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Der heutige Bau mit der gewölbten Decke im Erdgeschoß, der eindrucksvollen Ziegelarchitektur der Fenster und der gekonnten Holzkonstruktion des Daches musste danach von Grund auf erneuert werden.

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1904 war der Stadel fertig und sogar mit einer Wasserleitung versehen. Bis Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde der Bau landwirtschaftlich genutzt. Danach stand er zum Großteil leer und diente als Garage.

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Seit einiger Zeit stellte sich in Maria Rojach immer wieder die Frage nach einem großen Saal für kulturelle Zwecke. Das dafür in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts errichtete „Dorfheim“ erfüllte diese Aufgabe nur mehr unzureichend. In dieser Situation fanden sich Rojacherinnen und Rojacher zusammen, um Ideen zu sammeln. Manfred Probst, Ing. Siegfried Juri und HS-Dir. Erwin Raffer entwickelten dabei seit rund sechs Jahren die „Vision“ eines neuen Kulturzentrums im Pfarrstadel.

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Die gute Bausubstanz sowie die nötigen Parkplätze gleich daneben beim Friedhof sprachen dafür. Pfarrer GR Mag. Helmut Mosser als Anrainer war bald gewonnen, da auch die Pfarre dringend einen größeren Saal benötigte.

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Konkreter wurde das Projekt, als  Architekt Mag. Josef Klingbacher erste Ideen entwickelte und sich Bernhard Morianz spontan bereit erklärte, eine moderne Pelletsheizung zu sponsern.

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Der entscheidende Durchbruch gelang im vergangenen Jahr, als die Finanzierung durch eine Drittel-Lösung (Land – Gemeinde – Diözese) gesichert werden konnte, wozu auch das Wohlwollen von Bgm. Abg z. NR Peter Stauber entscheidend beitrug.

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Der renovierte „Kulturstadl“ ist ein nachahmenswertes Beispiel dafür, was erreicht werden kann, wenn das allgemeine Interesse vor Parteistandpunkte gestellt wird!

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Die Verwaltung und das Management des Kulturstadels liegen in den Händen des dafür gegründeten „Kulturvereins Maria Rojach“, in dem wichtige Kulturträger des Ortes vertreten sind. Obmann ist Insp. Manfred Probst, Obmann-Stellvertreterin VS-Direktorin in Ruhe Roswitha Schafranek. Es wird an den Menschen liegen, dieses Gebäude mit Leben in vielfältigsten Formen zu erfüllen!
Text: Dr. Clemens Weber

Der Vorstand